| Wettbewerb durch Innovation Zur Notwendigkeit einer Reform der Wettbewerbspolitik
Gastreferat von C. Christian von Weizsäcker SGCI Generalversammlung 2004 in Basel 18. Juni 2004
- Kurzfassung -
Die heutige Wettbewerbspolitik ist geprägt von dem US-amerikanischen Vorbild, das seinerseits aus dem Zeitalter der Industriegesellschaft stammt. Sein zentraler Kern ist die Förderung des Preiswettbewerbs. In der heutigen modernen Volkswirtschaft ist die Produktion von Gütern nicht mehr die quantitativ wichtigste Aktivität. In ihrer Summe sind Vertrieb, Marketing, Forschung und Entwicklung heute quantitativ wichtiger als die Produktion. All diese Aktivitäten wären unnötig in einem stationären Produktionssystem. Sie können nur erklärt werden als Begleiterscheinungen des Versuchs der menschlichen Gesellschaft, Veränderung, also Fortschritt zu erzielen. Am augenfälligsten wird dieser Fortschritt bei der ständig steigenden Lebenserwartung der Menschen als Folge der Fortschritte im Gesundheitssystem. Wettbewerb durch Innovation wird in einer solchen Welt wichtiger als der Preiswettbewerb.
Wettbewerb durch Innovation kann aber nicht durch die Prozeduren der Wettbewerbspolitik richtig erfasst werden, die heute vorherrschen, etwa bei der Überprüfung der Wettbewerbswirkungen von Fusionen. Der zur Abschätzung des Wettbewerbs dort heute verwendete "relevante Markt" erfasst bestenfalls den Preiswettbewerb: als miteinander im Wettbewerb stehende Produkte werden nur solche angesehen, die gegeneinander austauschbar sind. Indessen ist der Sinn einer Innovation, dass die alten Produkte das neue eben gerade nicht ersetzen können. Also ist eine Innovation immer ein Produkt, das nicht im gleichen relevanten Markt sich befindet wie die Produkte, die es ablöst. Wenn nun, wie in der Pharmabranche üblich, Unternehmen miteinander im Innovationswettbewerb stehen, also sich durch Innovationen gegenseitig ihren bisherigen Absatz streitig machen, dann kann die heutige Prozedur bei der Fusionskontrolle diesen Wettbewerb gar nicht erfassen.
Es ist also erforderlich, die Wettbewerbspolitik sozusagen "neu zu erfinden". Hierbei müssen Wissenschaft, insbesondere meine eigene Wissenschaft der Ökonomie, und industrielle Praxis eng zusammenarbeiten.
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