Probleme der europäischen Forschung
Gottfried Schatz, Präsident Schweizerischer Wissenschafts- und Technologieratgottfried.schatz@unibas.chSGCI Generalversammlung 2000 in Bern
Bern, 23. Juni 2000
Westeuropa und die USA haben etwa gleich viel Einwohner, etwa das gleiche Bruttosozialprodukt, etwa den gleichen Lebensstandard, und publizieren jedes Jahr etwa gleich viel biomedizinische Forschungsartikel. Dennoch kommt mindestens ein Drittel aller wirklich grundlegenden biomedizinischen Entdeckungen aus den USA. Westeuropa landet weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Warum ist dies so?
Beginnen wir mit den Zahlen vorstellen, die ich vorhin erwähnt hatte:
Abbildung 1 Einwohnerzahl, Bruttosozialprodukt und Publikationen
Ich zeige Ihnen bewusst keine Statistik über wirklich grundlegende wissenschaftliche Arbeiten. Solche Zahlen gibt es zwar und sie werden auch oft publiziert, aber ich bezweifle, dass sich die Originalität und die Innovationskraft einer wissenschaftlichen Arbeit durch eine Zahl wiedergeben lassen. Aber jeder, der mit Biomedizin vertraut ist, weiss aus eigener Erfahrung, dass die Grenzen unseres Wissens auf diesem wichtigen Gebiet derzeit vor allem durch Arbeiten in den USA erweitert werden.
Doch als das international renommierte Wissenschaftsmagazin "Science" im Jahr 1992 die besten Biologieinstitute der Welt auflistete, waren nicht weniger als 6 der 12 besten Institute in Westeuropa!
Abbildung 2 Die 12 besten Biologieinstitute der Welt (Science 1992)
Dies bedeutet, dass die beste Forschung in Westeuropa gleich gut wie die Beste in den USA ist. Aber die Basis der Forschungspyramide ist bei uns viel kleiner als in den USA. Wenn wir von der absoluten Spitzenforschung nach unten gehen, dann haben wir viel weniger gute oder sehr gute Forschungslaboratorien als die USA. Wenn wir die vernünftige Annahme machen, dass wissenschaftliches Talent in Westeuropa gleich dicht oder gleich dünn gesät ist wie in den USA, dann müssen wir daraus schliessen, dass wir unsere wissenschaftlichen Talente viel weniger wirksam fördern als die USA. Einige unserer allerbesten Forscher schaffen es immer noch bis zur Spitze, aber allzu viele, die einfach gut sind, schaffen es nicht. Ihr Potential kann sich nicht entfalten und geht uns verloren.
Für uns Westeuropäer ist dies eine verheerende Feststellung. Wissenschaftliches Talent ist für jedes Volk, für jede Region, eine der wichtigsten Ressourcen. Wenn es tatsächlich stimmt, dass wir diese Ressource vergeuden, dann müssen wir etwas dagegen tun.
Aber was? Bevor ich Ihnen Antworten präsentiere, lohnt es sich, einige der Gründe für dieses Problem zu diskutieren.
Ist der Grund unser öffentliches Bildungssystem? Ich glaube nicht; die öffentlichen Schulen in Westeuropa sind sicher verbesserungsbedürftig, aber im Durchschnitt sind sie wahrscheinlich gleich gut, wenn nicht besser als die der USA. Ein qualitativ hochrangiges öffentliches Bildungssystem ist natürlich für eine moderne Demokratie und für die Lebensqualität der Bürger essentiell. Denen, die ein unentgeltliches öffentliches Schulsystem als zu teuer betrachten, sollten wir folgende Antwort geben: "Wenn Sie meinen, Bildung sei zu teuer, dann versuchen Sie es doch einmal mit Unwissen!" Westeuropa muss weiterhin seinen öffentlichen Schulen eine hohe Priorität geben und nicht zulassen, dass es zwei Arten von Schulen gibt: Privatschulen für die Reichen und öffentliche Schulen für die Armen. Wir müssen uns aber immer bewusst sein, dass selbst das beste öffentliche Schulsystem für sich allein nicht ausreicht, um zu garantieren, dass die besten Talente voll genützt werden und Spitzenforschung floriert.
Ist der Grund für unser Problem Geld? Allerdings, und zwar sehr oft. Viele europäische Länder geben viel weniger für Forschung aus als sie könnten oder sollten.
Abbildung 3 Forschungsaufwendungen westeuropäischer Länder
Wie Sie sehen, spiegelt der Forschungsaufwand eines europäischen Landes, ausgedrückt als Prozent seines Bruttosozialproduktes, im Allgemeinen den Wohlstand des Landes wider. Aber es gibt einige aufschlussreiche Ausnahmen, die uns zeigen, dass die Dinge nicht so einfach sind. Betrachten wir doch einmal Österreich, das Land aus dem ich selbst komme. Wegen seiner zentralen Lage wird Österreich oft als guter Indikator dafür angesehen, was in Europa geschieht. Österreich grenzt im Norden an Deutschland und im Süden an Italien und deswegen sind Österreicher eine attraktive Mischung aus deutschem Charme und italienischer Effizienz. Österreich hat einen der höchsten Lebensstandards der Welt, gibt jedoch nur 1.54% seines BNP für Forschung aus. Es ist deshalb kein Wunder, dass die österreichische biomedizinische Forschung nicht floriert.
Abbildung 4 BNP pro Kopf in den USA, in Österreich und in Grossbritannien
Abbildung 5 Publikationen pro Kopf in Westeuropa und den USA
Abbildung 6 Zitate pro Publikation Westeuropas und der USA
Wie Ihnen diese Zahlen zeigen, produziert die Schweiz mehr vielzitierte biomedizinische Forschungsartikel pro Kopf der Bevölkerung als jedes andere Land der Welt. Aber die Schweiz fällt derzeit zurück; die öffentlichen Gelder, die in die Forschung der Schweiz fliessen, sind seit 7 Jahren bei etwa 2.7% des BNP stationär geblieben, während die der USA kräftig nach oben revidiert werden. Ja, Mangel an Geld ist tatsächlich ein Problem in Europa. Aber es ist nicht das schwierigste Problem, weil sowohl Politiker wie die breite Öffentlichkeit das Problem sehr leicht erkennen können. Einige der reicheren westeuropäischen Länder könnten dieses Problem ziemlich schnell und ohne grössere strukturelle Änderungen lösen: sie müssten nur der Forschung eine höhere Priorität einräumen und sie besser finanzieren.
Leidet die europäische Forschung am Ausschluss von Frauen? Selbstverständlich tut sie das. Die meisten europäischen Länder müssen sich hier schämen und die Schweiz ist sicher keine Ausnahme. Aber auch in den USA ist die Situation für Frauen nicht viel besser, obwohl die USA grosse Anstrengungen unternommen haben, dieses Problem zu lösen. Statistische Erhebungen zum Frauenproblem in der Wissenschaft müssen, wie alle statistischen Erhebungen, mit Vorsicht genossen werden. Das Land mit dem höchsten Prozentsatz an Universitätsprofessorinnen der Welt ist weder Schweden noch Dänemark, noch ist es die USA; es ist die Türkei. Aber der Grund für den "Erfolg" der türkischen Wissenschaftlerinnen ist ernüchternd: die türkischen Universitätsgehälter sind so niedrig, dass nur solche Frauen an der Universität arbeiten, deren Männer gut bezahlte Posten ausserhalb der Universität haben. Der grosse Vorsprung der biomedizinischen Forschung der USA erklärt sich nicht einfach durch die geringere Repräsentation der Frauen in der europäischen Wissenschaft, weil dieses Problem in den USA nur geringfügig besser ist als bei uns.
Leidet die europäische Forschung unter einem schlechten Universitätssystem? Ja, und hier kommen wir dem wirklichen Problem schon näher. An den meisten westeuropäischen Universitäten wird zumindest punktuell erstklassige Forschung betrieben. Aber viele unserer Universitätssysteme werden als politisches Instrument missbraucht, um die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten. Anstatt dass diese Universitäten die besten wissenschaftlichen Talente fördern und erstklassige Forschung betreiben, sind sie Parkplätze für junge Leute, die keine Anstellung haben und wahrscheinlich in naher Zukunft auch keine bekommen werden. Diese Universitätssysteme ersticken oft im Würgegriff eines starren Beamtensystems und der öffentlichen Überzeugung, dass die Deklaration der Menschenrechte jeder, und zwar unabhängig von den intellektuellen Fähigkeiten, das Recht auf ein kostenloses Universitätsstudium und eine permanente Universitätsanstellung gibt. Wenn man dabei noch die 35-Stunden-Woche berücksichtigt, welche die Effizienz und den Einsatz zumindest der Laboranten einschränkt, dann ist es leicht ersichtlich, dass viele unserer europäischen Universitäten für Spitzenforschung ähnlich günstige Voraussetzungen bieten wie die Wüste Gobi für intensive Landwirtschaft. Einige unserer westeuropäischen Universitätssysteme sind wahrscheinlich hoffnungslose Fälle, für die ich keine einfachen Lösungen sehe. In diesen Ländern wird die beste biomedizinische Forschung in nicht-universitären Institutionen gemacht, weil diese relativ frei sind, ihre eigenen Regeln zu bestimmen. Diese Institutionen sind aber keine wirkliche Lösung, weil sie nur einen sehr kleinen Teil der wissenschaftlichen Talente aufnehmen und nur sehr wenige Studenten ausbilden können.
Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Grund für die enttäuschende Leistung der biomedizinischen Forschung in Westeuropa. Dieser Grund ist das zentrale Thema meines Vortrages, weil er ein typisch europäischer Grund ist, und weil wir Wissenschaftler ihn bekämpfen können.
Dieser Grund ist unsere Weigerung, drei wesentliche Aspekte der Grundlagenforschung anzuerkennen. Diese Aspekte sind die Folgenden: Erstens, Grundlagenforschung ist elitär. Zweitens, die wichtigsten und fundamentalsten wissenschaftlichen Entdeckungen verdanken wir fast nie demokratischem Konsens, Regierungsprogrammen, oder grossen Gruppen, sondern fast stets einzelnen Talenten. Drittens, diese Talente entfalten sich am besten, wenn sie ihre Forschung selbst definieren können.
Viele Länder Westeuropas zählen zwar zu den höchstentwickelten und progressivsten Demokratien in der Welt, müssen aber noch akzeptieren, dass es intellektuelle Eliten gibt und müssen lernen, wie man mit diesen umgeht. Sogar der Ausdruck "Elite" ist bei uns politisch unkorrekt. Die offizielle Haltung ist "Eliten ja, aber nur für alle!" Wir Europäer müssen noch lernen, dass Demokratie zwar gleiche Chancen garantiert, aber weder gleiches Talent noch gleichen Erfolg. Wir sind uns zwar einig, dass wir wissenschaftliche Talente in allen Schichten der Bevölkerung suchen müssen, aber wir sind uns noch nicht einig, dass wir solchen Talenten, wenn wir sie einmal gefunden haben, Unterstützung und Ausbildung geben müssen, die nicht jedem zustehen. Dafür fehlt uns der politische Mut.
Ich möchte Ihnen dafür ein Beispiel geben. Sie alle wissen, dass eine erfolgreiche Forschungsfinanzierung ganz wesentlich davon abhängt, dass die veingereichten Forschungsprojekte von erstklassigen Experten evaluiert werden, die entscheiden, welche Projekte finanziert werden sollen und welche nicht. Eine faire und fachkompetente Evaluation von Forschungsprojekten erfordert eine seltene Kombination von Talenten, und die seltenen Individuen, die diese Talente haben, werden von allen Seiten bestürmt, Evaluationen durchzuführen und sind gewöhnlich hoffnungslos überlastet. Diese Fachleute sind eine Elite, wissen dies auch, und sind sehr schwer zu bekommen. Aber als die Wissenschaftsadministratoren für das 5. Rahmenprogramm der europäischen Gemeinschaft Begutachter für die erwarteten Forschungsprojekte suchten, publizierten sie Annoncen in öffentlichen Tageszeitungen und im Internet, in denen sie Freiwillige aufforderten, sich zu melden. Ich möchte Ihnen die Überschrift dieser Annonce nicht vorenthalten:
Abbildung 7
Call for applications for inclusion on lists of experts for the evaluation of proposals received in connection with specific research programmes
Aber das war noch nicht alles. Jeder der unerschrocken genug war, nach diesem monströsen Titel noch weiterzulesen, musste sich durch bis zu 27 Seiten arbeiten, in denen gefragt wurde, was die Gründe für die Bewerbung seien und welche fachlichen Kompetenzen der Bewerber anbieten könne. Ich überlasse es Ihnen, abzuschätzen, wie viele Spitzenwissenschafter sich durch diesen Sirenengesang verführen liessen. Er war wahrscheinlich ein Versuch, den üblichen Beschwerden vorzubeugen, eine kleine Elite dominiere die Wissenschaft in Westeuropa. Dieser Versuch war zwar formal demokratisch, aber Unsinn. Er zeigte einen Mangel an Mut. Anstatt dem demokratischen Ideal zu dienen, machte er dieses zum Zerrbild.
Nur ein kleiner Prozentsatz aller biomedizinischen Publikationen beschreibt wirklich innovative Forschung. Jeder von uns, der als Redaktor für eine Wissenschaftszeitschrift oder als Mitglied eines Preiskomitees gearbeitet hat, weiss, dass man mindestens zwei Drittel aller wissenschaftlichen Zeitschriften und vielleicht auch den gleichen Anteil an Grundlagenforschern ignorieren kann, ohne etwas wirklich Wichtiges zu versäumen. Dies öffentlich zu sagen ist politisch unkorrekt, aber deswegen nicht weniger wahr. Wie können wir mit dieser Tatsache umgehen? Kein vernünftiger Mensch würde vorschlagen, zwei Drittel aller Wissenschaftstzeitschriften abzuschaffen oder zwei Drittel aller Forscher zu entlassen. Dies wäre nicht nur sozial unmöglich, sondern auch für die Wissenschaft schlecht, da es die Basis der Forschungspyramide gefährlich schmälern würde. Aber wir sollten alles nur mögliche für die Spitze dieser Pyramide tun, für die wenigen Forscher, denen wir die wirklich grundlegenden Entdeckungen verdanken. Sie sind fast stets Einzelne, nicht Departmente oder Institutionen. Die meisten biomedizinischen Forscher haben zwar eine Forschungsgruppe aus Studenten und Postdoktoranden, aber diese Mitarbeiter bleiben gewöhnlich nur für kurze Zeit und richten sich stark nach ihrem Leiter aus. Weil Forschertalente selten und wertvoll sind, sollten wir sie selbst dann ausreichend unterstützen, wenn öffentliche Forschungsgelder knapp werden. Ein Forschungsförderungsprogramm nach diesem Prinzip erfordert Mut, doch gerade dieser fehlt vielen europäischen Forschungsprogrammen. Diese Programme wagen nicht, in Zeiten der Geldknappheit den besten Forschenden selbst dann genügend Geld zu geben, wenn dadurch mittelmässige oder schlechte Forscher wenig oder nichts bekommen. Diese Programme ziehen es auch gewöhnlich vor, Gelder für Grundlagenforschung an Departemente, Institute, Netzwerke oder manchmal an ganze geographische Regionen zu geben. Solche Programme entspringen oft den Gehirnen von Wissenschaftsadministratoren, die es gut meinen, aber die nie selbst Grundlagenforschung betrieben haben. Ihre Programme sehen auf dem Papier gut aus, orientieren sich aber nicht an der Realität der Grundlagenforschung und berücksichtigen nicht, was Forscher motiviert. Sie übersehen, dass die meisten Spitzentalente sich nicht gern in Netzen fangen lassen, sondern lieber als Einzelpersonen am internationalen Parkett sichtbar sind und nur dann mit anderen Forschern zusammenarbeiten, wenn es ihrer Arbeit nützt. Wenn Spitzenforscher trotzdem an Netzwerkprogrammen teilnehmen, dann tun sie dies, um an das Geld heranzukommen, aber ihre Haltung ist dabei resigniert oder sogar zynisch.
Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, warum Netzwerkprogramme bei Wissenschaftsadministratoren so beliebt sind: im Gegensatz zu einzelnen Wissenschaftlern können Netzwerke nie wirklich versagen. Nehmen wir an, dass Forschungsgelder von 10 Mio. Ecu gleichmässig an vier einzelne Forscher vergeben würden: an zwei gute Forscher und zwei schlechte. Wenn die zwei schlechten Forscher nichts Brauchbares produzieren, dann wird die Hälfte des Geldes verloren und der Fehlschlag offensichtlich sein. Hätte man aber die 10 Millionen Ecu an ein Netzwerk gegeben, dass aus den gleichen vier Wissenschaftlern besteht, dann würde der Erfolg der beiden guten Forscher das Versagen der zwei schlechten übertünchen. In dem gemeinsamen Schlussbericht könnten die vier Wissenschaftler im Brustton der Überzeugung behaupten, das Netzwerk sei ein Erfolg gewesen. Und hast du nicht gesehen, das Netzwerk wird wiederum finanziert! Bei einer Finanzierung von vier einzelnen Teilnehmern bekämen aber die beiden schlechten Forscher kein Geld für eine weitere Periode und das Geld könnte entweder gespart, oder den guten Forschern gegeben werden, wodurch deren Erfolg belohnt würde. Die Finanzierung eines Netzwerkes für Grundlagenforschung ist inhärent ineffizient, weil ein Netzwerk keine genaue Qualitätskontrolle erlaubt.
Netzwerke in der Grundlagenforschung werden im Wesentlichen durch den finanziellen Druck von aussen zusammengehalten und zerfallen meist schnell, sobald kein Geld mehr vorhanden ist. Die psychologische Basis stimmt nicht. Anders ist es, wenn Forschungsgeld an einen einzelnen Spitzenforscher vergeben wird. Dieser Forscher kann mit Hilfe dieses Geldes eine international renommierte Forschungsgruppe aufbauen, die dann andere unabhängige Forscher anzieht und so Kern einer spontanen Gruppierung von unabhängigen Forschern wird. Das bewährteste Mittel, um eine Wechselwirkung zwischen diesen einzelnen Gruppen zu erzielen ist, sie in einem gemeinsamen Gebäude unterzubringen und ihnen in Auftrag zu geben, ein gemeinsames Doktorandenprogramm mit erstklassigen Studenten aufzubauen. In einem derartigen System kann jeder Forscher nach Lust und Liebe mit anderen interagieren und trotzdem sicherstellen, dass die eigene Leistung gebührend beachtet wird. Eine derartige Struktur wird, ganz im Gegensatz zu einem Netzwerk, nicht durch den finanziellen Druck von aussen zusammengehalten, sondern durch spontane intellektuelle Gravitation. Die psychologische Basis stimmt.
Als ich vor kurzem ein öffentliches Amt übernahm, schärften meine Freunde mir ein, nie die Bereitschaft anderer zu unterschätzen, mich falsch zu zitieren. Ich möchte deshalb dem, was ich eben sagte, zwei Einschränkungen beifügen. Erstens: ich bin nicht grundsätzlich gegen die öffentliche Finanzierung von Departementen ganzen Universitäten oder sogar geographischen Regionen. Regierungen müssen dafür Sorge tragen, dass Forschung und Lehre an den Universitäten die notwendigen Gebäude, die notwendige Verwaltungsinfrastruktur und die notwendigen Dienstleistungen bekommen. Ich bekämpfe nur die Tendenz, diesen grösseren Einheiten Gelder für Grundlagenforschung zu geben. Zweitens: ich kann Netzwerke durchaus akzeptieren, solange diese nicht für Grundlagenforschung, sondern für angewandte Forschung sind. Die Entwicklung neuer, komplexer Technologien aufgrund bereits vorhandener Grundlageninformation erfordert oft eine enge Interaktion zwischen vielen verschiedenen Forschungsgruppen. Mein Widerstand richtet sich ganz spezifisch gegen Netzwerke für Grundlagenforschung, weil diese Forschung meist von einer grundlegend anderen Psychologie getrieben wird.
Netzwerke für Grundlagenforschung sind schlimm genug, aber das Schlimmste sind Programme für zielorientierte Grundlagenforschung. Der Wunsch, Wissenschaftler sollten gezielt an Problemen arbeiten, welche die Öffentlichkeit als relevant und wichtig ansieht, ist neu. Die von uns, die in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren in den USA arbeiteten, können sich nur allzugut an Nixon's "Krieg gegen den Krebs" erinnern. Meine Ohren klingen noch davon, wie Politiker vom Schlage eines Senator Proxmire ihre öffentlichen Donnerreden schwangen, in denen sie die Wissenschaftler aufforderten, endlich aufzuhören, ihre Zeit mit Hefe, Fruchtfliegen oder Mäusen zu vergeuden, und stattdessen direkt an krebskranken Menschen zu arbeiten. Nur dann würden die Vereinigten Staaten den Krebs so schnell bezwingen, wie sie die Landung am Mond erzwungen hatten. Eine Menge Geld wurde für Krebszentren und "Krebsnetzwerke" ausgegeben. Heute wissen wir, dass diese ganze Übung eine Unmenge von Steuergeldern verschwendete, die anders sehr viel besser hätten eingesetzt werden können. Die Grundlageninformation war damals nämlich noch nicht verfügbar. Es gab keine Sequenzierung von DNS, keine Klonierung von Genen, keine Polymerase Kettenreaktion, keine molekulare Entwicklungsbiologie. Die wirklichen Fortschritte im Krieg gegen den Krebs kamen dann etwa ein Jahrzehnt später, nachdem die Grundlagenforschung diese wichtigen neuen Werkzeuge geschaffen und durch das Studium von Hefezellen, Fruchtfliegen und Mäusen gelernt hatte, wie Zellen ihr Wachstum und ihre Differenzierung steuern. Europa muss diese Lektion noch lernen. Viele europäische Regierungen, und hier macht leider die Schweizer Regierung keineswegs eine Ausnahme, wollen, dass Grundlagenforscher immer mehr an eng definierten Problemen mit politischer Relevanz arbeiten, wie z.b. an Rheumatismus, an Aids, an Alzheimers Krankheit. Wir Wissenschaftler sind uns natürlich einig, dass diese Probleme wichtig sind und so schnell wie möglich gelöst werden müssen. Aber wir wissen auch, dass dies nicht durch zielorientierte Forschung möglich ist, solange wir nicht die notwendige Grundlageninformation besitzen. Eine derartige Forschung wird in den meisten Fällen nur Steuergelder verschwenden. Die besten Köpfe, welche die wirklich grundlegenden Entdeckungen machen, funktionieren anders. Ihr Treibstoff ist Neugier und die Freiheit, Zufallsentdeckungen intuitiv weiterverfolgen zu dürfen. Wenn wir diesen Köpfen vorschreiben, wofür sie sich zu interessieren haben, verkümmern sie. Diese Psychologie wird für Nichtwissenschaftler immer sehr schwer zu verstehen sein. Ein herrliches Beispiel für diesen Abgrund zwischen aktiven Wissenschaftern und den Wissenschaftsadministratoren ist die Frage, die ich kürzlich im vorgedruckten Formular eines Abschlussberichtes für ein zielorientiertes Netzwerkprogramm fand. Die Frage war "Haben Sie die erzielten Resultate erwartet?" Darauf folgte eine JA und eine NEIN Box, von denen ich natürlich die JA Box ankreuzen sollte. Ich schrieb zornig "natürlich nicht!" wusste aber auch, dass dies nicht die Antwort war, die der Administrator erhofft hatte.
Die falschen Hoffnungen, welche die Öffentlichkeit in zielorientierte Grundlagenforschung setzt, ähnen dem blinden Glauben an die Wirksamkeit der Todesstrafe. In regelmässigen Abständen fordert die Öffentlichkeit die Einführung der Todesstrafe, in der Meinung, diese würde auf Verbrecher abschreckend wirken. Jedes Mal erinnern Kriminologen und Juristen die Öffentlichkeit daran, dass diese Hoffnung unzählige Male getestet wurde und sich als falsch erwies, weil sie der Psychologie des Verbrechens nicht Rechnung trägt. Vielleicht sollten wir Wissenschafter uns mit unseren Kollegen in der Jurisprudenz und der Kriminologie zusammentun, um herauszufinden, wie wir unser gemeinsames Problem bekämpfen können.
Die biomedizinische Forschung der USA ist Trotz ihrer verdienten Führungsposition keineswegs vollkommen. Aber die Wissenschaftsprogramme der USA werden gewöhnlich von Administratoren geleitet, die Wissenschaft verstehen, keine Angst vor Eliten haben, und die den Mut besitzen, vorhandene Ressourcen gezielt den besten Talenten zukommen zu lassen. Die Wissenschaftsfinanzierung der USA ähnelt insofern der breiten Öffentlichkeit des Landes, als beide keine Angst vor "Helden haben. Im Gegenteil, beide bewundern "Helden". Die meisten Forschungsgelder des National Institute of Health gehen heute an Einzelforscher. Das Gleiche gilt für die Forschungsgelder der Howard Hughes-Stiftung und die vieler anderer privaten Stiftungen. Fast nie finanzieren diese Stiftungen Netzwerke oder Departemente. Und wenn gelegentlich das Legat einer Stiftung zielgerichtete Grundlagenforschung vorschreiben sollte, dann wird diese Vorschrift meist so liberal wie möglich ausgelegt.
Ich habe mich bewusst auf das Elitenproblem konzentriert, weil wir Wissenschafter hier direkt und relativ schnell eingreifen könnten. Wir Wissenschafter müssen die nationalen Wissenschaftsorganisationen davon überzeugen, dass die gezielte Unterstützung wissenschaftlicher Eliten keineswegs unseren demokratischen Prinzipien widerspricht. Ganz im Gegenteil, die Stabilität und das Wohlgedeihen unserer demokratischen Gesellschaft wird in der Zukunft mehr denn bisher die Innovation und den intellektuellen Reichtum brauchen, die diese Eliten uns geben. Eines der besten Argumente, die wir Wissenschaftler verwenden können ist, dass unsere demokratische Gesellschaft auf anderen Gebieten Eliten stets akzeptiert hat. Ich erinnere hier nur an künstlerische Interpreten oder den Sport. In Österreich, wenn ich wiederum mein Heimatland als Beispiel verwenden darf, würde keiner im Traum daran denken, dass jeder Bürger das Recht hätte eine Titelpartie in der Wiener Staatsoper zu singen oder Mitglied des nationalen Skiteams zu werden. Kein Österreicher würde es für recht befinden, dass ein schlechter Skifahrer die gleich grosszügige Unterstützung und das intensive Training bekommt, dass einem olympischen Sieger zusteht. Warum sollte dies nicht auch für wissenschaftliches Talent gelten? Solange unsere demokratische Gesellschaft Talente in allen Schichten der Gesellschaft sucht und dann diese Talente unabhängig von deren sozialer Herkunft fördert, ist unserer Demokratie bestens gedient.
Jeder Vortrag sollte mit einer Hausaufgabe enden: erlauben Sie mir deshalb, Ihnen einige leicht zu merkende Grundsatzregeln für Wissenschaftsprogramme und Kreditzusprachen zu geben. Erstens, achten Sie stets darauf, dass aus einem falschen Demokratieverständnis nicht das populäre Giesskannenprinzip angewendet und dadurch wertvolle Steuergelder verschwendet werden. Sagen Sie "nein" zu Programmen für Grundlagenforschung, in denen geographische Regionen, Universitäten, Departemente oder Netzwerke finanziert werden und sagen Sie "ja" zur Finanzierung von einzelnen Forschern. Sagen Sie "nein" zu stur prozentualen Kürzungen, wenn das Geld nicht ausreicht, und befürworten Sie stattdessen Kürzungen, die umgekehrt proportional zur Qualität des Forschungsprojekts sind. Und versuchen Sie, Öffentlichkeit und Politiker davon abzuhalten, Grundlagenforschern vorzuschreiben, worüber sie forschen müssen, weil dadurch Steuergelder verschwendet werden.
In den vergangenen Jahren haben die USA und Japan die Finanzierung ihrer Grundlagenforschung beträchtlich erhöht. Westeuropa versucht immer noch fieberhaft, eine gemeinsame Forschungspolitik auszuarbeiten. Beides bedingt, dass die europäische Grundlagenforschung eine extrem kritische Phase durchläuft. Wir waren bisher nicht allzu erfolgreich und müssen es in Zukunft besser machen. Viele unserer typischen europäischen Probleme werden nicht sehr schnell gelöst werden. Aber der beste Weg, um sofort etwas zu ändern wäre es, unsere Mittel gezielt auf die besten wissenschaftlichen Talente anzusetzen. |