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SGCI Generalversammlung 2002 Präsidialansprache von Dr. Peter Kalantzis

Zofingen, 7. Juni 2002

Sehr geehrte Damen und Herren

Heute sind wir hier in Zofingen zur 120. ordentlichen Generalversammlung unserer Gesellschaft zusammengetreten. Seit 120 Jahren besteht unsere Gesellschaft, und seit 120 Jahren ist die Firma Siegfried, die heute unser Gastgeber ist, Mitglied unserer Gesellschaft. Beides mag bei nüchterner Betrachtung vielleicht kein Anlass zu ausgelassenem Feiern sein, ein Anlass für einen Rückblick auf die lange und erfolgreiche Entwicklung unserer Industrie ist es aber sicherlich.

Ich werde mich dabei auf qualitative, eher persönlich gefärbte Bemerkungen beschränken. In der Schweiz wissen wir nämlich sehr genau, wie viele Zentner Emmentaler seit 1851 hergestellt wurden oder wie viele Tonnen Salz seit 1871 gefördert wurden. Und auch über die Anzahl in der Schweiz gefertigter Uhren sind wir seit 1891 gut unterrichtet. Wenn es aber um Zahlen über unsere Industrie geht, verstummt die frühe Statistik fast gänzlich. Erst für das Jahr 1913 findet sich eine erste Produktionszahl für die chemische Industrie. Allerdings ist auch sie bloss eine Schätzung.

Vermutlich war unsere Industrie schon damals zu beweglich und zu sehr im dauernden Umbruch begriffen, als dass amtliche Statistiker sie in nüchternen Zahlenreihen hätten erfassen und darstellen können. Tatsächlich veränderte unsere Industrie ihr Profil immer wieder: in ihren Anfängen war sie vornehmlich in der Grundstoffchemie tätig, verlagerte dann Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Schwergewicht in die Farbstoffchemie, stiess noch vor der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert in die Arzneimittelherstellung und die Produktion von Riechstoffe vor und in den letzten hundert Jahren kamen fast unüberschaubar viele zusätzliche Tätigkeitsfelder hinzu. Getrieben wurde diese Entwicklung anfänglich in erster Linie durch die enge chemische Verwandtschaft der Stoffe, die in den verschiedenen Anwendungen eingesetzt wurden.

Unsere Industrie definierte sich damals - und noch lange Zeit - durch ihre technologische Basis, also durch die Wissenschaft der Chemie. Sie nannte sich deshalb auch nach dieser Wissenschaft: Chemische Industrie. Es war und ist insbesondere die starke Verankerung in einer Wissenschaft, welche unsere Industrie markant von anderen Wirtschaftsbranchen unterscheidet. Die chemische Wissenschaft, und im besonderen die organische Chemie, wurde früh als wesentlicher Produktionsfaktor erkannt und von der Industrie konsequent genutzt. Entsprechend beschäftigten die Unternehmen unserer Branche seit ihren Anfängen akademisch geschulte Mitarbeiter, betrieben eigene Forschungslabors und pflegten eine enge Zusammenarbeit mit den Hochschulen. Es ist sicher nicht übertrieben unsere Industrie als "science based" zu bezeichnen.

In der Schweiz nahm die Entwicklung der chemischen Industrie einen anderen Weg als in den umliegenden Ländern. Deren Industrien spezialisierten sich vornehmlich auf die Herstellung günstiger chemischer Massenprodukte. In der Schweiz waren die Voraussetzungen für diese Art der Industrie nicht gegeben: Rohstoffe und Märkte fehlten. Die schweizerischen Unternehmen spezialisierten sich deshalb schon im ausgehenden 19. Jahrhundert auf die Herstellung hochwertiger Nischenprodukte, die ihre Wertschöpfung in erster Linie dem geistigen Input, der Erfindungsgabe des Menschen, verdanken. Aufgrund der Enge des schweizerischen Binnenmarktes bemühten sich die Unternehmen von Anfang an, ihre Produkte weltweit zu verkaufen, zuerst mit Exporten ab der Schweiz, später mit eigenen Niederlassungen in inzwischen über 100 Ländern.

Nach dem Gesagten erstaunt es Sie wohl nicht zu erfahren, dass sich bereits die erste Generalversammlung der SGCI im Jahr 1882 mit der Patentfrage auseinander setzte. Allerdings sprachen sich unsere Vorgänger damals noch gegen den Schutz Geistigen Eigentums aus: Sie zogen die Geheimniskrämerei dem Offenlegen von Erfindungen vor. Nach vermutlich hitzigen Debatten im Kreise unserer Gesellschaft erkannten die Mitglieder 1894 aber den Nutzen der Offenlegung ihrer Forschungsergebnisse und sprechen sich seither unmissverständlich für einen starken Patentschutz aus. Wie Sie der Einladung zur heutigen Versammlung entnehmen konnten, werden wir uns auch heute noch mit Fragen des Geistigen Eigentums beschäftigen.

Die Spezialitätenstrategie hat zusammen mit den lokalen Marktgegebenheiten, den rechtlichen Rahmenbedingungen und dem schweizerischen Unternehmensgeist den Charakter und die Struktur unserer Branche entscheidend geprägt. Im Verlaufe der Jahre und Jahrzehnte hat sich die Spezialitätenstrategie als Schlüssel zum anhaltenden Erfolg unserer Industrie erwiesen. Sie zwingt die Unternehmen nämlich, sich intensiv sowohl mit den technologischen Entwicklungen als auch mit den Märkten und ihren Bedürfnissen auseinander zu setzen. Nur wenn beide Entwicklungen dauernd verfolgt werden, können immer wieder technologisch und wirtschaftlich innovative Produkte entwickelt werden, welche sich erfolgreich am Markt durchsetzen. Dass diese Strategie auch heute noch von Erfolg gekrönt wird, brauche ich Ihnen wohl nicht besonders zu erläutern. Einige Zahlen mögen genügen.

Der konsolidierte Weltumsatz der Unternehmen unseres Verbandes erreichte im letzten Jahr rund 100 Mrd. Schweizer Franken. Diese Zahl entspricht gut einem Viertel des schweizerischen Bruttoinlandproduktes; ein Fünftel dieses Umsatzes wird von mittleren und kleineren Firmen erwirtschaftet. Die Bedeutung des Produktionsstandortes Schweiz erschliesst sich unmittelbar, wenn Sie sich vergegenwärtigen, dass im letzten Jahr chemische Produkte für über 42 Milliarden Franken aus der Schweiz in alle Welt exportiert worden sind. Trotz aller Internationalität unserer Firmen bleibt die Schweiz also ein wichtiger Wirtschaftsstandort für unsere Industrie. Und für unser Land sind und bleiben wir ein wichtiges Standbein. So werden nicht weniger als ein Drittel aller schweizerischen Exporte durch unsere Unternehmen generiert. Der dabei erzielte Exportüberschuss von etwas über 15 Mrd. Franken ist zehnmal grösser als der Exportbeitrag des schweizerischen Fremdenverkehrs. Und zusammen mit dem Finanzsektor bezahlt unsere Branche dank ihrer hohen Produktivität die höchsten Löhne in der Schweiz. Keine andere Branche ist in den 90er-Jahren so stark gewachsen wie die chemische und pharmazeutische Industrie. Mit einem Wertschöpfungswachstum von über 8 % übertraf unsere Industrie dasjenige der Gesamtwirtschaft von 2 % sehr deutlich. Ein grosser Teil des Wachstums der schweizerischen Volkswirtschaft in den 90er-Jahren geht somit auf die Leistung unserer Branche zurück.

Erfolg verlangt Offenheit für das Neue, verlangt auch dauerndes kritisches Hinterfragen bestehender Strukturen und Abläufe. Folgerichtig hat die schweizerische chemische Industrie im Verlaufe der Zeit ihr Gesicht immer wieder verändert und den neuen Herausforderungen angepasst. Aus breiten, diversifizierten Chemieunternehmen ist in den letzten Jahren beispielsweise eine ganze Reihe auf bestimmte Segmente fokussierter Firmen entstanden, die weltweit auf sehr unterschiedlichen Märkten mit unterschiedlichen und hochspezialisierten Produkten auftreten. Diese Umwandlung der industriellen Struktur ist in der Schweiz rasch, effizient und vor allem auch ohne grössere Verwerfungen am Arbeitsmarkt vollzogen worden. Die Arbeitsproduktivität konnte durch diese Transformation der Unternehmen bedeutend gesteigert werden. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre konnte die Produktivität pro Arbeitsstunde jährlich um rund 9 % gesteigert werden. Dies ist sowohl im schweizerischen Branchenvergleich als auch international ein Rekordwert. So konnte die gesamte schweizerische Volkswirtschaft ihre Produktivität im selben Zeitraum bloss um knapp 1 % jährlich steigern; und in anderen westeuropäischen Ländern und in den USA musste sich die chemische und pharmazeutische Industrie mit Steigerungsraten von bloss 1 bis 3 % begnügen.

Hand in Hand mit dieser erfolgreichen Umgestaltung der industriellen Struktur hat sich auch das Selbstverständnis der Branche verändert. Unsere Mitglieder verstehen sich heute in erster Linie als Pharmaunternehmen, als Agrochemiefirmen, als Riechstoff- oder Aromenhersteller, als Bauchemiefirmen, als Spezialkunststoffunternehmen usw. Einige unserer Mitglieder legen keinen grossen Wert mehr darauf, in der Oeffentlichkeit mit dem Wort Chemie oder chemische Industrie in Zusammenhang gebracht zu werden. Einige Firmen bestimmter Fachrichtungen haben sich zudem in eigenen Verbänden organisiert, die sich erfolgreich auf wichtige Fragen der jeweiligen Absatzmärkte spezialisierten. Es sind auch eine ganze Reihe kleinerer neuer Unternehmen entstanden, die noch keinem Verband angehören.

Meine Damen und Herren. Braucht es angesichts der hohen Internationalität der Unternehmen, deren starker Ausrichtung auf spezifische Märkte und dem Aufkommen neuer spezialisierter Verbände überhaupt noch eine umfassende Branchenorganisation wie die SGCI? Meine Antwort dazu ist ein eindeutiges und überzeugtes Ja. Lassen Sie mich erklären.

Zunächst müssen wir nüchtern zur Kenntnis nehmen, dass in der Politik jede Aufsplitterung der Kräfte sich letztlich negativ auf eine erfolgreiche Interessenvertretung auswirkt. Die erwähnten Spezialverbände vermögen Fragestellungen, welche die gesamte Branche betreffen, nur selten umfassend zu bearbeiten. Ihre Mitglieder interessieren sich in der Regel nur für einen bestimmten, manchmal recht engen Themenbereich, in dem sie Erfahrung und Knowhow haben. Die Stellungnahmen dieser Spezialverbände decken folgerichtig nur selten alle Interessen der Branche ab. Das ist bei der SGCI anders: Sie vertritt sowohl gemeinsame Interessen aller Mitglieder als auch Sonderinteressen einzelner spezialisierter Fachgruppen, soweit sie von allen Mitgliedern mitgetragen werden.

Bei aller erfolgreichen unternehmerischen Fokussierung auf einzelne Geschäftsfelder dürfen wir zweitens die fundamentale Einheit unserer Branche nicht verkennen: nach wie vor und vielleicht heute mehr denn je kennzeichnet sich die Branche durch ihre starke Verankerung in den Naturwissenschaften. Dabei ist es seit langem nicht mehr die Chemie allein, welche die Entwicklung unserer Industrie massgeblich beeinflusst und beeinflussen wird. Heute sind die Biologie, die Biochemie, die Medizin, die Pharmazie und vor allem die Gentechnik ebenso wichtig. Die technologische Basis unserer Industrie bleibt für unsere Industrie aber nach wir vor zentral. Technologische Fragen betreffen letztlich alle Unternehmen unserer Branche und reichen von der gesellschaftlichen Akzeptanz einer Technologie bis zur fast endlosen Reihe von Auflagen für Forschung, Entwicklung, Produktion und Vermarktung entsprechender Produkte.

Drittens dürfen wir nicht vergessen, dass Forschung, Entwicklung und Produktion nur dann in der Schweiz erfolgen können, wenn die erzeugten Produkte auch weltweit verkauft werden und die Erträge in ausreichendem Masse in unser Land zurückfliessen können. Die Sicherung und Weiterentwicklung des freien Welthandels bleibt damit eines der wichtigsten gemeinsamen Anliegen aller Unternehmen unserer Branche. Den Branchenorganisationen kommt in diesen komplexen Fragen und Verhandlungen eine besondere Verantwortung zu, sorgen sie doch auch international für die notwendige Koordination der Industrieanliegen. Darüber hinaus sind wir natürlich froh, dass wir in der Schweiz im Staatssekretariat für Wirtschaft einen gleichgesinnten und starken Partner in diesen Fragen haben.

Ich sage es also unumwunden: Ohne eine umfassende Branchenorganisation wie die SGCI würde sich meines Erachtens der Einfluss der Unternehmen, die mit der Chemie verbunden sind, auf Verwaltung und Politik verringern. Die zunehmende Aufgliederung der Industrie in einzelne Fachrichtungen verlangt meines Erachtens künftig sogar eine noch stärkere Koordination unserer Interessen in branchenweiten Themen. Schon heute übernimmt die SGCI teilweise Aufgaben, die noch vor einigen Jahren von den Firmen spartenübergreifend selbst wahrgenommen wurden. Diese Tendenz wird sich meines Erachtens fortsetzen.

Und ich bin restlos überzeugt, dass unsere Gesellschaft - die SGCI - diese intensivierte Koordinationsaufgabe wahrnehmen kann und muss. Die umfassende Neuausrichtung unseres Sekretariats, die 1998 in weniger als 6 Monaten vollzogen wurde, bestärkt mich in der Ueberzeugung, dass sich unser Verband Herausforderungen offen stellt und sich neuen Erfordernissen rasch anpassen kann. Als Industrie muss es letztlich unser oberstes Ziel sein und bleiben, dass wir mit einer Stimme gegenüber der Politik und Oeffentlichkeit auftreten. Meinungsverschiedenheiten – und solche gibt es von Zeit von Zeit – sollen innerhalb unserer Gesellschaft ausgelotet und wenn immer möglich bereinigt werden. In der Oeffentlichkeit wollen wir geschlossen und mit der vollen Kraft der gesamten Branche auftreten. Dazu braucht es die SGCI als glaubwürdige und zuverlässige Sprecherin aller schweizerischen Unternehmen der chemischen und pharmazeutischen Industrie.

Meine Damen und Herren. Unsere Industrie hat sich in den letzten 120 Jahren nicht einförmig und stetig entwickelt: Einschnitte und Strukturbrüche kennzeichnen die Wirtschaftsgeschichte unserer Branche. Fortschritt, Wachstum und Effizienzsteigerung sind aber nicht zu erreichen ohne dauernde schöpferische Auseinandersetzung mit den künftigen Chancen und heutigen Möglichkeiten. Sie verlangen immer wieder mutige unternehmerische Entscheide, die in der Oeffentlichkeit oft erst später verstanden werden. Aber nur wer sich den Herausforderungen der Zeit mit offenen Augen stellt, nur wer als notwendig erkannte Veränderungen mutig und rasch umsetzt, wird auch in Zukunft erfolgreich bleiben und auch weiterhin einen wesentlichen Beitrag zur Wohlfahrt unseres Landes leisten. Genau dies wollen wir tun: Unsere Branche will einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren der Schweiz bleiben. Wir spielen im globalen Wettbewerb nicht bloss mit, um Erreichtes zu bewahren: wir wollen Neues wagen und - gewinnen!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.