SGCI Generalversammlung 1999 Präsidialansprache von Dr. Rolf W. SchweizerBasel, 18. Juni 1999Sehr geehrte Damen und Herren
Anlässlich der letztjährigen Generalversammlung habe ich Sie über die Absicht Ihres Vorstandes orientiert, bis zum Jahresende zusammen mit dem Sekretariat die Tätigkeitsschwergewichte der SGCI auf die veränderten Anforderungen der heutigen Zeit auszurichten, die Arbeitsweise des Vorstandes und der Verbandsleitung diesen neuen Anforderungen anzupassen und unsere Anstrengungen darauf zu konzentrieren. Dies bedingte eine Straffung der internen Organisation, welche eine beträchtliche Senkung des finanziellen Aufwandes unserer Verbandsleitung und Administration möglich machte. Ich freue mich, Ihnen heute bestätigen zu können, dass der Vorstand, dank einer sehr konstruktiven Vorarbeit des Sekretariates, in der Lage war, diese schlussendlich sehr tiefgreifende Reorganisation zügig durchzuführen und noch im vergangenen Jahr erfolgreich abzuschliessen. Die wesentliche Neuerung bestand im Ersatz der bisherigen festen Ressort - Struktur in der Verbandsleitung zur Bearbeitung fixer, sozusagen traditioneller Traktanden durch ein bewegliches Issue-Management, welches seinen Arbeitseinsatz und seine Arbeitsweise nach den sich situativ ergebenden Prioritäten ausrichtet. Dieses Issue-Management ist in die vier Bereiche 1. Pharma 2. Umwelt, Sicherheit, Technologie 3. Wirtschaftspolitik 4. Kommunikation aufgeteilt, wobei jeder Bereich von einem Vorstandsteam geführt wird. Von den Früchten dieser Straffung und Kostensenkung haben Sie, sehr geehrte Mitglieder, bereits in diesem Jahr profitiert. Der Kostenabbau gegenüber dem Vorjahr um rund 2,5 Mio. Fr. oder 35% des Gesamtbudgets resp. 50% bei den operationellen Kosten kommt bereits im laufenden Jahr vollumfänglich den Mitgliedern zugute, indem aus sachlichen Gründen der vom Exportvolumen abhängige Anteil der Mitgliederbeiträge gesenkt wurde. Die neue Arbeitsmethodik des Vorstandes und der Verbandsleitung, wurde im Jahresbericht ausführlich beschrieben. Die da und dort von gewissen Mitgliedern geäusserten Befürchtungen, dass durch die Straffung und Fokussierung unserer Tätigkeiten auf unsere Hauptanliegen gewisse firmenindividuelle Einzelbedürfnisse vernachlässigt werden könnten, haben sich, von wenigen Einzelfällen abgesehen, nicht bewahrheitet. Im Gegenteil konnten - wie im Bericht erwähnt - die Informationsqualität und -dichte erheblich verbessert werden, was in der ständigen Zunahme der Informationsbezüger über Internet und Intranet auf mittlerweile mehrere hundert Zugriffe pro Tag zum Ausdruck kommt. Auch unsere direkten Interventionen bei den Behörden und den Parlamentariern konnten intensiviert werden.
Nachdem wir uns im letzten Jahr vor allem mit uns selbst beschäftigt haben, nämlich wie wir unseren Verband auf eine veränderte Umwelt, in welcher Politik und Wirtschaft immer mehr auseinander driften, neu ausrichten, möchten wir heute die Blickrichtung umkehren. Wie sieht uns unser politisches und gesellschaftliches Umfeld und was erwartet man von uns, der SGCI, dem Vorort und den Wirtschaftsverbänden schlechthin? Als Einleitung zu dieser herausfordernden Fragestellung möchte ich mit einem Plädoyer für unseren Wirtschaftszweig, die chemisch - pharmazeutische Industrie, beginnen. Unsere Industrie beschäftigt inklusive regionale Grenzgänger in der Schweiz rund 67'000 Arbeitskräfte oder 9.5% aller im industriellen Sektor Beschäftigten. Sie hat diesen Bestand in den letzten drei Jahren nur wenig, nämlich um 1.8% gesenkt gegenüber einem Durchschnitt von -3% in der gesamten Industrie. Dazu kommt ein Auslandbestand, der zugenommen hat, und zur Zeit rund 210'000 Mitarbeiter betragen dürfte. Bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 4'894 Fr. im gesamten privaten Sektor sowie von 6'042 Fr. beim Bund und im öffentlichen Sektor liegt der Monatslohn in der Chemie bei durchschnittlich 6'433 Fr. Mit dieser Entlöhnung trägt die Chemie überdurchschnittlich zur Konsumenten-Kaufkraft in unserem Lande bei, von der ebenfalls überdurchschnittlichen steuerlichen Leistung ganz zu schweigen. Unserer Industrie ist es im weitern gelungen, durch rechtzeitig eingeleitete Gegenmassnahmen mit den z.T. erheblichen Währungsproblemen, den regionalen Krisen (Asien, Russland, Brasilien etc.), und neuerdings den konjunkturellen Rückschlägen (z.B. Textilindustrie) ohne fremde Hilfe fertig zu werden, ihre Wettbewerbskraft zu erhalten und ihre inländische Produktion und ihren Umsatz nicht nur im Ausland, sondern auch in der Schweiz gegenüber 1995 zu steigern. In der Periode 1975 - 1995 betrug das jährliche Wachstum 5.7% im Vergleich zur Gesamtindustrie von nur 3.6%. Ihre eigene Handelsbilanz ist in einem Verhältnis von beinahe 1 : 2 positiv. Ihr Anteil am gesamtschweizerischen Export beträgt über 31 Mrd. Fr. oder 27% der Gesamtausfuhren von 1998. Begleitend dazu wurde der inländische Forschungsaufwand erheblich erhöht und beträgt über 40% der gesamten Forschungsaufwendungen der schweizerischen Industrie oder - gemäss einer Studie des Vorortes - 26 Mio Fr. pro Arbeitstag. So kann es nicht erstaunen, dass rund ein Drittel des gesamten Forschungspersonals in der Schweiz in der chemisch - pharmazeutischen Industrie beschäftigt ist. Die Forschungsausgaben in Prozent vom Umsatz betragen bei uns 10% im Vergleich zu 8% in Japan und 6% in Deutschland und in den USA.
Damit möchte ich dieses Plädoyer abschliessen und daraus den Schluss ziehen, dass unsere Volkswirtschaft von den überdurchschnittlichen Leistungen unserer Industrie ganz erheblich profitiert. Gilt diese positive Schlussfolgerung jedoch auch für unsern Verband? Unsere Industrie ist offenbar bis jetzt mit ihren zum Teil sehr grossen Problemen mit eigenen Mitteln und Kräften fertig geworden. Dies könnte zur ketzerischen Frage verleiten, wozu wir dann überhaupt noch einen Verband brauchen? Nach dem traditionellen eidgenössischen Rollenverständnis ist ein Verband nur für zwei Dinge da, nämlich erstens zum Jammern, Klagen und Drohen, und damit zweitens zum Erwirken von Vorteilen, welche oft auf Kosten anderer oder der Allgemeinheit schlechthin gehen. Ich bin mir natürlich bewusst, dass dies einer "terrible simplificateur" - Optik entspricht. Dennoch stellt sich die Frage, ob die Verfolgung von Eigeninteressen zwangsläufig im Gegensatz zum Allgemeininteresse stehen muss. Wo scheiden sich hier die Geister? Kehren wir zur Beantwortung dieser Frage nochmals zu unserer Industrie zurück und versuchen wir die Erfolgsfaktoren zu ermitteln, auf die diese nachhaltige dynamische Entwicklung zurückzuführen ist. Ich glaube, sie lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Forschungsorientierte Kultur: seit ihren Gründungszeiten gegen Ende des letzten Jahrhunderts war für unsere Industrie Forschung + Chemie ein Synonym, welches Produkte, Herstellungs-Technologien sowie Anwendungsverfahren gleichermassen umfasst. Bei einem Forschungs- und Entwicklungs-Zeitbedarf von 5 - 10 und mehr Jahren, bis ein erster finanzieller Rückfluss erfolgt, bedingt diese Kultur zu ihrer Entfaltung eine wissenschaftlich visionäre, gesellschaftlich verantwortungsbewusste und finanziell risikobereite unternehmerische Haltung und ein politisches Umfeld, das diese Haltung unterstützt und nicht beeinträchtigt.
- Internationaler Wettbewerb: der schweizerische Markt war bald einmal zu klein, um die mannigfaltigen Ergebnisse der Forschung unserer Industrie zu absorbieren. Nur durch ein Eindringen in ausländische Märkte konnte der Schwung der Unternehmensentwicklung aufrecht erhalten werden. Dies bedeutete eine permanente Auseinandersetzung mit zum Teil sehr starken ausländischen Konkurrenten. Der Umstand, dass die für unsere Industrie heute wichtigsten Absatzmärkte über die strengsten Wettbewerbsvorschriften verfügen, hat die Schlagkraft unserer Industrie ganz wesentlich gesteigert und ihre Innovationsfähigkeit enorm gefördert. Von diesem Wettbewerbsklima darf auch unsere Binnenwirtschaft, inklusive logistische Infrastruktur und Energieversorgung als wichtige Zulieferanten der Exportindustrie, nicht durch Landesgrenzen abgeschirmt werden.
- Multinationalität: seit einigen Jahren eine Bezeichnung für nationale Rücksichts- und deshalb Vaterlandslosigkeit. Dabei bedeutet dieser Begriff nichts anderes, als sich unternehmerisch auch in fremden Nationen heimisch zu fühlen, fremde Rechtsordnungen zu akzeptieren und fremde Kulturen zu respektieren. Unsere im Vergleich zu unseren deutschen, englischen oder amerikanischen Konkurrenten traditionell viel stärkere Auslandsorientierung zwang uns schon seit dem Beginn dieses Jahrhunderts, unsere Aktivitäten über ausländische Niederlassungen abzuwickeln, welche durch lokale Kräfte geführt wurden. Der immer stärker ins Gewicht fallende Beitrag des Auslandsgeschäfts für die Konzernentwicklung zunächst im Vertrieb, dann in der Produktion und schlussendlich in der Forschung, bewirkte, dass immer häufiger Vertreter von wichtigen Auslandsgesellschaften in wichtigen Konzernfunktionen, wie z.B. Forschung und Entwicklung, eingesetzt und teilweise sogar in unsere Konzernleitungen integriert wurden. Diese Art der Multinationalität bewirkte eine ausserordentliche Bereicherung für unsere Unternehmenskulturen. Sie bedingt aber eine entsprechende staatliche Freizügigkeit für qualifizierte Kräfte und deren Familienangehörigen.
Diese drei entscheidenden Erfolgsfaktoren gelten vor allem für die grossen internationalen Firmen der chemisch - pharmazeutischen Industrie der Schweiz, die mit ihren rund 40'000 inländischen Mitarbeitern ca. 60% der gesamten Beschäftigtenzahl unserer in der Schweiz tätigen Branche abdeckt. Die restlichen 40% oder rund 27'000 Beschäftigte verteilen sich auf rund 200 KMU, welchen damit beschäftigungspolitisch - ganz abgesehen von ihrem beachtlichen Wertschöpfungsanteil - eine ebenbürtige Bedeutung zukommt. Ihr wichtigster Erfolgsfaktor liegt in ihrer grossen Anpassungsfähigkeit und ihrem raschem Reaktionsvermögen sowie einer auf das Notwendigste beschränkten Administration. Sie werden deshalb durch die ihnen aus der heutigen Regulierungsdichte erwachsenden "Bürokratiekosten" besonders stark und in einer für sie völlig unproduktiven Art belastet. Gemäss einer allgemeinen Studie der Universität Kiel liegen diese Kosten pro Beschäftigten "bei einem Unternehmen mit 10 Beschäftigten um durchschnittlich 72% über denjenigen eines Unternehmens mit 100 Beschäftigten, und ein Unternehmen mit 100 Beschäftigten hat um 50% höhere Kosten als ein solches mit 500 Arbeitnehmern", zitiert aus der Publikation "Wirtschaft und Recht im Würgegriff der Regulierer" herausgegeben von Hans Giger. Wenn die schweizerische Volkswirtschaft weiterhin vom wichtigen Anteil der KMU am zuvor erwähnten grossen finanziellen, wissenschaftlichen, unternehmerischen und beschäftigungspolitischen Beitrag der chemisch-pharmazeutischen Industrie profitieren will, muss sie auf die Politik hinwirken, dass dieser "Würgegriff der Regulierer" nicht noch mehr angezogen, sondern im Gegenteil gelockert wird.
Fassen wir die vier wichtigsten Erfolgsfaktoren für unsere Industrie zusammen, so sind dies eine forschungsorientierte Kultur mit der damit verbundenen unternehmerischen Risiko- und Verantwortungsbereitschaft, ein Wettbewerbsklima mit permanenter Herausforderung zur Leistungssteigerung ohne protektionistische Schutzschirme, eine Multinationalität im personellen und damit auch kulturellen Bereich und, was vor allem die KMU betrifft, grosse Anpassungsfähigkeit und rasches unternehmerisches Reaktionsvermögen bei einer auf das Notwendigste beschränkten Administration. Die sich daraus ableitenden Forderungen an den Staat sind alle ordnungspolitischer Art, nämlich Sicherstellung klar geregelter aber genügend grosser Freiräume für Forschung und Entwicklung, Gewährung eines freien Waren- und Dienstleistungsverkehrs ohne binnenwirtschaftlichen Protektionismus, Freizügigkeit im Personenverkehr, zumindest was den Personenaustausch (inkl. Familienangehörige) innerhalb international tätiger Unternehmen betrifft. Konfrontieren wir nun diese Anliegen mit der zuvor gestellten Frage nach der Vereinbarkeit oder Nichtvereinbarkeit von Einzelinteressen mit Allgemeininteressen, so können wir wohl feststellen, dass die politischen Forderungen unserer Industrie mit denjenigen der übrigen schweizerischen Wirtschaft weitgehend im Einklang stehen. Forderungen stellen allein genügt nicht. Es bedarf unaufhörlicher Anstrengungen zu einer direkten Kommunikation mit den Behörden, mit dem Parlament, aber insbesondere auch mit der Oeffentlichkeit. Hier ist nun unser Verband gefordert. Hierauf konzentrieren sich seit der durchgeführten Neuausrichtung die Hauptanstrengungen der SGCI, wobei wir an unseren ordnungspolitischen Vorstellungen auch dann konsequent festhalten, wenn sich andere Verbände, wie z.B. der Vorort konzessionsbereiter zeigen.
Dies führt uns zurück zur anfangs gestellten Frage nach dem heute erforderlichen Rollenspiel der Wirtschaftsverbände. Dieses Rollenspiel findet bekanntlich auf der politischen Bühne statt, wobei nicht nur das Rollenspiel, sondern auch die Bühne selbst (sprich das politisch-wirtschaftliche Umfeld) und die Zuschauer und ihre Erwartungen sich ständig ändern. Dieses Rollenspiel besteht in einer permanenten Auseinandersetzung der Mitspieler um Macht, Einflussnahme auf Dritte und Selbstbehauptung. Wer seine Rolle - sei es aus Sorglosigkeit, Bequemlichkeit oder mangelndem Mut - nicht oder nicht überzeugend genug spielt, wird rasch von der Bühne verdrängt und sein Platz wird sofort von einem anderen Mitspieler eingenommen. Damit verschieben sich die Kräfteverhältnisse, was es dem Verdrängten ausserordentlich schwer macht, wieder einen Platz auf der Bühne zu erringen, um wieder seine angestammte Rolle spielen zu können. Es liegt deshalb nicht im freien Entscheid eines Wirtschaftsverbandes, ob und mit welchem Gewicht und Geschick er seine Rolle in der wirtschaftspolitischen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung spielen will. Er muss das ganze, ihm von seinen Mitgliedern geliehene Gewicht in die politische Waagschale werfen, um damit in der permanenten Auseinandersetzung um eine freie Wirtschaftsordnung den Ausschlag geben zu können. Tut er das nicht, so macht er sich eines "les absents ont tort" - Verhaltens schuldig. Wirtschaftsverbände, und insbesondere die Spitzenverbände, müssen der Politik und der Oeffentlichkeit gegenüber klare Konturen und scharf gezogene Grenzen zeigen und damit feste Positionen beziehen. Es ist dann den Politikern - Parlament und Behörden - überlassen, gegenüber diesen Stellungnahmen der Wirtschaft, Kompromisse mit von anderer Seite gestellten Forderungen z.B. sozial- oder finanzpolitischer Art zu finden und zu verantworten. Unser Verband, die SGCI, hat ihre politische Präsenz - Pflicht schon bis heute mit dem nötigen Verantwortungsbewusstsein wahrgenommen und sich vor klaren Stellungnahmen nicht gescheut. Sollte das politische Klima labiler oder gar rauher werden, ist die SGCI absolut in der Lage, auch in einem schwierigeren politischen Umfeld ihre Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern wahrzunehmen, nötigenfalls auch ohne die Unterstützung anderer Verbände, und ihre Mission für die Aufrechterhaltung einer funktionierenden, freien Wirtschaftsordnung zu erfüllen. |