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SGCI Generalversammlung 2000 Präsidialansprache von Dr. Rolf W. Schweizer

Bern, 23 Juni 2000

Meine sehr geehrten Damen und Herren

An der vorletztjährigen GV haben wir uns mit uns selbst beschäftigt, nämlich mit der Straffung der Struktur und der Steigerung des Leistungsvermögens unseres Verbandes.

An der letztjährigen GV haben wir das Verhalten unseres Verbandes gegenüber den anderen Verbänden unter die Lupe genommen, wobei insbesondere unser Verhältnis zum Vorort und zur Wirtschaftsförderung im Vordergrund stand.

An der heutigen GV wollen wir uns darüber Gedanken machen, welche neuen Anforderungen sich für die Wirtschaftsverbände im allgemeinen und für die SGCI im besonderen aus einem mehr und mehr globalisierten Umfeld stellen. Verbände müssen sich heute in einem durch die Globalisierung sehr komplex gewordenen Kraftfeld zurechtfinden, welches ständig neuen und kaum mehr voraussehbaren Veränderungen unterworfen ist. Das klassische Dreiecksverhältnis "Verband - Mitglieder - politische Institutionen" (Behörden, Parlament) im Verbund mit anderen inländischen Verbänden, muss erweitert werden zu einem Mehreck, in welches auch ausländische Institutionen und in- und ausländische NGO’s (Nicht-Regierungs-Organisationen) miteinbezogen werden müssen. Das Rollenspiel innerhalb dieses Mehrecks muss an die veränderten Gegebenheiten angepasst werden. Die sich daraus ergebenden neuen Herausforderungen sind mehrfacher Art:

Beginnen wir mit der Funktion und der Existenzberechtigung eines Wirtschaftsverbandes schlechthin.

Es ist erst einige Wochen her, seit die Börse, resp. die Investoren es für ihre Zwecke dienlich befunden haben, die Industrieunternehmen in zwei Gruppen aufzuteilen, nämlich in "old economy"- und in "new economy"- Unternehmen. Zur ersteren Gruppe zählen neben vielen anderen traditionellen Industrieunternehmen, auch die chemische und pharmazeutische Industrie, also die Mitgliederfirmen unseres Verbandes. Zur letzteren Gruppe gehören bekanntlich alle noch nicht genau definierbaren und deshalb mit viel Spekulationspotential ausgestatteten Internet-Hightech Unternehmungen. Ob diese Aufteilung und die damit initiierte unterschiedliche Behandlung der beiden Wertpapiergruppen an der Börse nicht nur den Investoren, sondern auch ihren Kunden, nämlich den Aktionären einen Nutzen gebracht hat, oder ob dadurch nicht im Gegenteil shareholder value zerstört wurde, ist bis jetzt nicht erkennbar. Die erwähnte Aufteilung weist jedoch einen Aspekt auf, der für unsere Betrachtung sehr bedeutungsvoll sein kann. Verbandsmässig organisiert sind im wesentlichen nur die zur "old economy" gehörenden Branchen. Die simple Erklärung für diesen Umstand, dass die "Neuen" hierfür noch keine Zeit gehabt oder noch kein Bedürfnis verspürt hätten, ist zu einfach. Die Begründung, sie hätten es gar nicht nötig, lässt schon eher aufhorchen. So wird z.B. argumentiert, dass die "new economy" Firmen unternehmerisch noch zu ungestüm, zu risikobereit und deshalb zu unberechenbar und in ihrem Verhalten zu individuell seien, um in einen Topf geworfen werden zu können. Deshalb seien sie noch nicht verbandsfähig geworden. Diese Behauptung schafft deshalb Unbehagen, weil sie suggeriert, dass sich nur Branchen für einen Verband eignen, deren Mitglieder ihr individuelles Unternehmertum, ihre Risikobereitschaft und ihren Willen, sich mit eigenen Mitteln im Existenzkampf zu behaupten, aufgegeben haben. Mit anderen Worten: die Verbandsmitglieder der zur "old economy" gehörenden Firmen betrachten - so die Schlussfolgerung - ihren Verband in erster Linie als eine Institution, die dazu da ist, an ihrer Stelle ihre Partikularinteressen durchzusetzen, weil sie sich hierfür als Einzelfirma zu schwach fühlen oder sich ganz einfach nicht selbst politisch exponieren wollen. Diese von politischer Seite aufgestellte Behauptung trifft nach meiner Meinung kaum für die Mitglieder der SGCI zu. Dennoch bleibt es ein wichtiges Thema. Ein Blick zurück auf unsere Geschichte lehrt uns, dass unsere eidgenössischen Vorfahren, auf die wir uns immer so gerne berufen, sich gegen eine Bedrohung ihrer politischen oder wirtschaftlichen Interessen durch ein selbständiges, heute würde man sagen, proaktives und aggressives Handeln mit Erfolg zu wehren verstanden. Die alten Eidgenossen waren jedoch nicht nur im Verband als Heerhaufen, sondern auch als Einzelkämpfer Haudegen, und das während Jahrhunderten bis zum Ende der Reisläuferzeit. Sie wollten und suchten den Streit mit ihren Gegnern. Doch fanden sie schon früh heraus, dass es sich im Verband besser streiten lässt als alleine. Ihr Verband, die ursprüngliche Eidgenossenschaft, war nicht defensiv, sondern, wie wir heute alle wissen, sehr offensiv, nämlich auf Macht- und Landerweiterung ausgerichtet. Aber immer hing der Erfolg der Eidgenossenschaft vom Mut, der Risiko- und Einsatzbereitschaft des Einzelnen ab. Erst als diese Einstellung und Handlungsweise im vorletzten Jahrhundert zu verkümmern begann, ging die alte Eidgenossenschaft unter. In unserer heutigen pazifistischen Zeit mag eine Bezugnahme auf das Haudegentum unserer Vorfahren kaum mehr angebracht sein. Es lässt sich damit dennoch illustrieren, welche Bedeutung dem richtigen Rollenverständnis eines Wirtschafts-Verbandes einerseits und demjenigen seiner einzelnen Mitglieder anderseits zukommt, um sich erfolgreich gegenüber den komplizierteren und wirtschaftlich härteren Anforderungen der heutigen Zeit behaupten zu können. Daraus lässt sich folgende erste Konklusion ableiten:

  • Die Stärke und das politische Durchsetzungsvermögen eines Verbandes hängt in erster Linie von der Stärke und dem unternehmerischen Erfolg seiner Mitglieder und deren Bereitschaft zum persönlichen politischen Engagement ab, und komplementär dazu von seiner Entschlossenheit, proaktiv zu handeln (mehr Trutz statt Schutz). Nur so kann sich ein Verband von seinem defensiven Image befreien und zu einem ernst genommenen mitgestaltenden Partner der Politik werden.

Nur wenn diese Rollenaufteilung gegenseitig gefordert und respektiert wird, ist heute ein Verband in der Lage, sich erfolgreich politisch durchzusetzen.

Wir kommen zu einer zweiten Herausforderung, der sich die Verbände in der heutigen Zeit gewachsen zeigen müssen. Während Jahrzehnten bestand die Hauptaufgabe der Verbände darin, hinter dem Schutzwall der Landesgrenzen die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber den inländischen Behörden wahrzunehmen. Die Globalisierung, die durch eine sich in Quantensprüngen entwickelnde Informatik enorm beschleunigt wurde, und grenzüberschreitend alle Lebensbereiche zu durchdringen begann, bewirkte eine Aufweichung und bald einmal eine Auflösung der bisherigen Schutzwall-Funktion der nationalen Landesgrenzen. Die international tätigen und deshalb in ihren Interessen ohnehin nach aussen orientierten Unternehmen haben diesen Globalisierungsprozess fast automatisch kontinuierlich nachvollzogen und die damit verbundenen neuen Opportunitäten erfolgreich auszunützen verstanden. Für die vor allem auf den Inlandmarkt ausgerichteten Unternehmen, bei denen es sich mehrheitlich um KMUs handelt, war dieser Nachvollzug etwas schwieriger. Noch schwieriger gestaltet er sich für die öffentliche Hand, die von ihrer Aufgabenstellung her inland-orientiert sein muss. Für die Verbände bedeutet dies, dass sie selbst und nicht nur ihre Mitglieder bereit und fähig sein müssen, die dramatischen Auswirkungen der Globalisierung proaktiv nachzuvollziehen, das heisst:

  • Ein Verband ist nur dann in der Lage, für seine Mitglieder effizient und erfolgreich zu wirken, wenn er das Globalisierungs-Exposure seiner Mitglieder zu seinem eigenen macht. Das bedingt nicht, dass er sich mit allen Facetten der Globalisierung vertraut machen muss, sondern - und dies dafür umso gründlicher - mit deren wirtschaftlichen Implikationen für seine Mitglieder. Dies erfordert eine Ausdehnung des Beziehungsnetzes auf ähnlich gelagerte ausländische Organisationen.

Wir kommen nun zu einem dritten Element, welches in das neue Rollenverständnis der Verbände miteinbezogen werden muss. Wir haben vorher kurz auf die Schwierigkeiten der öffentlichen Hand hingewiesen, mit den durch die Globalisierung ausgelösten neuen Anforderungen fertig zu werden. Die Gründe dafür sind mehrfacher Art. Einmal wird ein zeitgerechtes und zur Wahrnehmung von Opportunitäten notwendiges unkonventionelles Reagieren-Können aus institutionellen Gründen (Gesetzgebungs-Prozedere) erschwert oder verunmöglicht. Ferner bleibt die Regelungs- und Verordnungskompetenz von Parlament und Behörden auf das nationale Hoheitsgebiet beschränkt. Schliesslich sollten die auszuarbeitenden Massnahmen vereinbar sein mit den in der gleichen Sache getroffenen Regelungen vom uns interessierenden Ausland. Weitere Probleme können dadurch entstehen, dass durch die Globalisierung inländische Systeme oder Regelungen, die bis jetzt autonom, das heisst innerhalb der Landesgrenzen erfolgreich funktionierten, unter Druck geraten, weil sich auf einer globalen Basis effizientere Lösungen anbieten. Solche neuartige Opportunitäten können von Wirtschafts-Unternehmen relativ rasch wahrgenommen, vom Staat aber nur mühsam und wenn überhaupt nur im Rahmen seiner nationalen Kompetenzen nachvollzogen werden. Offensichtlich besteht ein grosser Unterschied bezüglich Handlungsfreiheit und Realisierungs-Geschwindigkeit zwischen den politischen Instanzen und den freien Unternehmen. Daraus erwächst für die Wirtschaftsverbände mit international tätigen Mitgliedern eine dritte neue Herausforderung, nämlich in einer Art Transmissions-Funktion die unterschiedlichen Rhythmen der Behörden und derjenigen der Unternehmen im Erkennen und Erfassen von Veränderungen sowie im Planen und Durchführen von Massnahmen miteinander zu synchronisieren. Die Verbände mit international engagierten Mitgliedern und insbesondere die SGCI sind besonders dazu befähigt, weil sie einerseits über ihre Mitglieder dem globalen Exposure direkt mitausgesetzt sind und anderseits durch ihre täglichen Kontakte mit den Behörden und Parlamentariern sich mit diesen "sach-rhythmisch" im Gleichschritt zu bewegen vermögen. Nun wäre es natürlich sehr naiv zu glauben, die Beamten und Politiker würden dankbar diesen Nachhilfe-Unterricht in Anspruch nehmen. Es gibt nur wenige Parlamentarier, die als Unternehmer täglich operationelle Entscheide für ausländische Tochter-gesellschaften treffen, oder ihr Fremdwährungs-Exposure täglich überprüfen müssen, oder für die strategische Weiterentwicklung ihres Unternehmens sich im Detail mit den Entwicklungen in z.B. Korea, China, Japan, USA oder Deutschland auseinandersetzen müssen, und deshalb als Ansprechpartner in Frage kommen würden. Umgekehrt kümmern sich die Leiter internationaler Konzerne auch herzlich wenig um die schweizerische Innenpolitik. Die direkte Auslandexponiertheit ist naturgemäss bei der staatlichen Verwaltung noch geringer. Gerade deshalb ist ein proaktives Handeln und Einflussnehmen von Seiten der Verbände auf eigene Initiative von ausschlaggebender Bedeutung. Wenn wir von einem Geschäftsvolumen von rund 45 Mrd. CHF ausgehen, welches im Ausland von den ausländischen Töchtern der in der SGCI vertretenen Firmen geschaffen wird, leuchtet es ein, dass kaum ein anderer Verband wie der unsrige herausgefordert und berufen ist, diese ausserordentlich schwierige und - sagen wir es ruhig - undankbare Transmission und Übermittlungsrolle wahrzunehmen. Die SGCI tut dies übrigens weniger im Interesse ihrer 5 grössten Mitglieder, die - was auch einmal gesagt werden darf - zu zwei Drittel die Kosten unseres Verbandes tragen, und die dank ihrer Grösse und starken Auslandlastigkeit nötigenfalls auch ohne Verband auskommen könnten, sondern vor allem im Interesse ihrer rund 200 übrigen Mitglieder mit einem hohen Anteil von KMUs, die nur im Inland oder teils im Inland und teils im Export tätig sind. Wir kommen damit zur dritten Schlussfolgerung bezüglich der neuen Anforderungen für die Wirtschaftsverbände:

  • die Wirtschaftsverbände müssen eine neuartige Vermittlerrolle zwischen der mehr und mehr nach aussen orientierten Optik ihrer Mitgliederfirmen und der von der Sache her immer noch stark nach innen gerichteten politischen Denk- und Handlungsweise der Behörden und Parlamentarier wahrnehmen und zu diesem Zweck eine für beide Teile nachvollziehbare Kommunikation betreiben.

Fassen wir die durch diese neuen Anforderungen notwendig gewordene Neuausrichtung in einem Satz zusammen, so ist es die Wandlung der Verbände von einer vorwiegend auf die Wahrung der eigenen Interessen ausgerichteten Protektionsgesellschaft zu einer politische Verständnis-Defizite überbrückenden Kommunikationsgesellschaft.

Wenn wir nun die Hauptaktivitäten der SGCI in den letzten 12 Monaten auf die Erfüllung dieser Anforderungen hin überprüfen, können wir eine Reihe sehr positiver Ansatzpunkte finden, wie z.B. im Energiebereich sowie im Bereich der Pharma und Energiegesetzgebung, wobei natürlich den persönlichen Kontakten und Gesprächen mit Behörden zur Erfüllung dieser Kommunikationsanforderung noch viel mehr Bedeutung zukommt.

Selbst wenn die Beseitigung der erwähnten Disharmonien oder Verständnis-Defizite nicht immer gelingt, müssen wir uns bewusst bleiben, dass wir alle, die Wirtschaft, ihre Verbände, die Parlamentarier und die Behörden ein gemeinsames Anliegen haben, nämlich die Förderung unseres Landes, die Schweiz, als attraktiven Wirtschaftsstandort. Zu Beginn der Globalisierung pflegte man die Welt als global village zu bezeichnen. Man wollte damit ausdrücken, dass durch das Wegfallen der Grenzen und der durch die Informatik geschaffene Transparenz aller Lebensvorgänge die zwischenmenschlichen Kontakte (jeder kennt jeden) und die Zusammenarbeit untereinander derjenigen einer Dorfgemeinschaft gleicht. Inzwischen ist man mit solchen Vergleichen vorsichtiger geworden, je mehr man der Komplexität der globalisierten Vorgänge und der durch sie geschaffenen Imponderabilien gewahr wurde. Sicher wollen wir auf unserem weiteren Weg in einer globalisierten Welt unsere schweizerische Eigenart erhalten und pflegen. In unserer Vorstellung, wie die Schweiz als global village für global players ausgestattet sein müsste, sollten wir jedoch nicht gerade das Gottfried Keller’sche Seldwyla als Modell vor Augen haben. Vielmehr sollte uns als Vision ein Land vorschweben, dessen Lebens- und Arbeitsbedingungen die wirtschaftliche und wissenschaftliche Dynamik beflügelt, das kulturelle Schaffen inspiriert, die Lebensqualität bereichert, und die politische Stabilität garantiert und all das gleichermassen für die local und die global players, ebenso wie für die nicht mehr am Arbeitsprozess teilnehmenden "Mitspieler". Diese Vision muss schlussendlich auch wegleitend für die Wirtschaftsverbände bleiben.