SGCI Generalversammlung 2003
Präsidialansprache von Dr. Rudolf WehrliDomat/Ems, 20. Juni 2003Sehr geehrte Damen und Herren
Bevor wir zum geschäftlichen Teil mit der Behandlung unserer Traktanden kommen, will ich drei aktuelle Themen aufnehmen, die uns nicht allein im vergangenen Jahr verschiedentlich beschäftigt haben, sondern die auch für die kommenden Jahre auf unserer Agenda bleiben werden, nämlich
- die hohe Bedeutung des Lehrlingswesens
- die Reduktion der CO2-Emissionen und
- Tendenzen in der neuen EU Chemikalienpolitik
Zunächst zur Lehrlingsausbildung. Gewiss erinnern Sie sich noch an unsere SGCI-Umfrage über das naturwissenschaftlich ausgebildete Personal in schweizerischen Werken, die Anfang 2002 durchgeführt wurde. Als Hauptergebnis mussten wir feststellen, dass sich vor allem bei den Chemikanten, Laboranten und Laboristen in den Bereichen Chemie und Biologie eine Verknappung abzeichnet, die sich ohne Gegenmassnahmen negativ auf die chemische und pharmazeutische Industrie, und besonders auf die kleineren und mittleren Unternehmen auswirken wird. Durch die Schwächung der Berufslehre würde aber auch ein wichtiger Standortvorteil der Industrie, das dreistufige Ausbildungssystem (Uni/ETH, FH, Lehre), längerfristig gefährdet. Es würden nicht nur die Berufsleute mit Lehrabschluss fehlen, d.h. qualifizierte Produktionsmitarbeiter und Sachbearbeiter, sondern nach einigen Jahren würden auch die Fachhochschulabsolventen knapp werden, da sich diese zu einem grossen Teil aus den Lehrabsolventen rekrutieren. Zudem sind die Unternehmen - anders als bei den Hochschulabsolventen, die bereits heute auch im Ausland angeworben werden - bei den Lehrabsolventen und den Fachhochschulabsolventen fast vollständig auf das schweizerische Angebot angewiesen.
Da die Unternehmen die Hauptverantwortung für die Ausbildungsstufe "Lehre" tragen, hat die SGCI im Oktober 2002 mit ihrer Lehrstelleninitiative alle ihre Mitglieder ermuntert, sich künftig verstärkt für die Berufsausbildung von Chemikanten, Laboranten und Laboristen in den Bereichen Chemie und Biologie einzusetzen. Dabei durften wir feststellen, dass die antwortenden Firmen praktisch ausnahmslos im dreistufigen Ausbildungssystem einen wichtigen Standortvorteil der Schweiz erkennen. Erstaunlicherweise ist dennoch nur rund ein Dutzend Unternehmen bereit, die Ausbildungsanstrengungen zu verstärken. Als Hinderungsgründe für ein stärkeres Engagement wurden angeführt: die Kleinheit der Unternehmung, die fehlende Infrastruktur, die Aufwendigkeit der Lehrlingsbetreuung, die hohe Spezialisierung der Unternehmung sowie auch die Schwierigkeit, qualifizierte Bewerber zu finden.
Meine Damen und Herren - So verständlich diese Antworten sind, so unbefriedigend bleibt die Situation. Ich kann mich nicht damit abfinden, dass viele unserer Mitglieder die Lehrlingsausbildung offenbar als gesellschaftliche Pflichterfüllung betrachten, die bestenfalls von der Oeffentlichkeit wohlwollend zur Kenntnis genommen wird. Diese Sichtweise ist falsch: für unsere Industrie ist die Lehrlingsausbildung eine schiere wirtschaftliche Notwendigkeit, um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie zu erhalten. Trittbrettfahren ist unfair und lohnt sich nicht. Es ist im Gegenteil auch wirtschaftlich und zweckmässig, im eigenen Betrieb Lehrlinge auszubilden und sie anschliessend auch weiterzubeschäftigen. Dies belegt auch eine kürzlich veröffentlichte bildungsökonomische Studie der Universität Bern, welche die Lehrlingsausbildung in 2553 Unternehmen untersucht hat. Sie weist nach, dass im Durchschnitt bei rund zwei Dritteln der Unternehmen sich die Investition in die Lehrlingsausbildung bereits während der Lehre lohnt. Ich möchte Sie hier aber nicht mit Statistiken langweilen, sondern Ihnen zwei konkrete Beispiele aus unserer Branche vorstellen:
Zunächst zu Novartis. Diese grösste Unternehmung in unserer Gesellschaft betrachtet das schweizerische Konzept der Lehrlingsausbildung als einen der grossen Standortvorteile der Schweiz gegenüber dem im Pharmaindustrie schärfsten Standortkonkurrenten USA. Von den über 300 Lehrlingen werden etwa die Hälfte als Laboranten und ein Viertel als Chemikanten ausgebildet. Der restliche Viertel verteilt sich auf zehn weitere Berufe in den Bereichen Technik, Informatik, Administration und Marketing. Etwa je die Hälfte der Lehrzeit wird zwischen der Linien-Praxis bei Novartis und der Grundausbildung beim Lehrlingsverbund "aprentas" verbracht. Insgesamt werden pro Jahr rund CHF 18 Mio. für die Lehrlingsausbildung aufgewendet. Novartis ist aber der Ansicht, dass diese Kosten durch die Leistungen der Lehrlinge mit ihren Praktikumseinsätzen aufgewogen werden. Als besonders kritischen Punkt bei der Lehrlingsausbildung erachtet Novartis die zeitliche Verfügbarkeit und Motivation der Lehrmeisterinnen und Lehrmeister. Die Lehrlingsausbildung ist deshalb bei Novartis Bestandteil der Zielvereinbarung und somit der jährlichen Leistungsbeurteilung der Lehrmeister. Die permanente Schulung der fachlichen und sozialen Kompetenz der Lehrmeister wird eine hohe Priorität zugemessen und von den Betreffenden auch gut angenommen. Zudem führt Novartis auch spezielle Anlässe für die Lehrmeisterinnnen und Lehrmeister durch. Novartis ist der festen Ueberzeugung, dass die Förderung des Lehrlingswesens in erster Linie Novartis selbst zugute kommt. Nach dem Lehrabschluss stellt Novartis geeignete Lehrlinge jedenfalls selbst an.
Dass nicht nur grosse und grösste Firmen Lehrlinge ausbilden und davon profitieren, belegt mein zweites Beispiel: die Firma Bachem in Bubendorf. Seit 1976 werden dort Lehrlinge ausgebildet, in den letzten 25 Jahren gesamthaft nicht weniger als 120 Personen. Mit Lehrbeginn 2003 werden 7 Chemielaborantinnen und -laboranten, eine Kauffrau und ein Informatiker ihre Lehre bei Bachem beginnen. Den berufskundlichen Unterricht besuchen die Lehrlinge bei "aprentas" bzw. an der öffentlichen Berufsschule. Im eigenen Lehrlabor stehen den Lehrlingen insgesamt 1,4 Stellen als Ausbildner zur Verfügung. Dabei sind gegenwärtig nicht weniger als 28 Lehrmeister teilzeitlich an der Ausbildung beteiligt. Alle Lehrmeisterinnen und Lehrmeister haben den Lehrmeisterkurs besucht und sammeln in dieser Ausbildungstätigkeit auch erste Führungserfahrungen. In Lehrmeisterzusammenkünften werden periodisch die Erfahrungen ausgetauscht. Für Bachem ist die Lehrlingsausbildung von grosser Bedeutung: und zwar nicht nur als gesellschaftspolitischer Beitrag, sondern in erster Linie aus wirtschaftlichem Interesse an einem guten Berufsnachwuchs. Denn gerade im Peptidbereich sind gut ausgebildete Chemielaboranten Mangelware. In den vergangenen Jahren konnte Bachem allen Lehrabgängern eine Stelle im Unternehmen anbieten. Rund 60 % aller Lehrabgänger entschieden sich für eine Stelle im Lehrbetrieb. In den letzten Jahren zeigt sich aber die Tendenz, dass mehr als die Hälfte der Lehrabgänger sich für eine Fortsetzung ihrer Ausbildung in Richtung Berufsmatura entscheiden, um später ein Studium an einer Fachhochschule in Angriff zu nehmen.
Die Unternehmensgrösse, meine Damen und Herren Unternehmer, ist also nicht matchentscheidend wie die Beispiele zeigen und da, wo eine einzelne Firma wegen ihrer Kleinheit tatsächlich an Grenzen stösst, gibt es immer noch die Möglichkeit, dass sich zwei einander ergänzende Firmen zum Zweck der Lehrlingsausbildung zusammen tun. Ich rufe Sie deshalb nochmals und eindringlich dazu auf, Ihre unternehmerische Verantwortung auch im Rahmen der Ausbildung und im Interesse der gesamten Branche wahrzunehmen und Ihr Engagement zugunsten unserer Lehrlinge zu verstärken. Es ist dies ein Engagement, das sich für Ihre Unternehmen und unsere gesamte Industrie direkt oder indirekt in Zukunft auszahlen wird.
Verantwortung übernehmen, "Taten statt Worte" , das gilt auch für unser zweites Thema, einen kurzen Zwischenbericht betreffend die Reduktion der CO2-Emissionen.
Vor zwölf Jahren hat die SGCI begonnen, RESPONSIBLE CARE, eine freiwillige, weltweite Initiative der chemischen Industrie, in der Schweiz umzusetzen. Ziel ist es, die Leistungen unserer Industrie in den Bereichen Sicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz kontinuierlich zu verbessern. RESPONSIBLE CARE ist damit ein konkreter Beitrag der chemischen Industrie zur nachhaltigen Entwicklung.
"RESPONSIBLE CARE heisst auch Schonung der Ressourcen" wird in einer SGCI-Anleitung zur Umsetzung von RESPONSIBLE CARE in den Firmen ausgeführt. Neben den chemischen Rohstoffen spielen Energie und Wasser eine wichtige Rolle. Aus ökologischen wie ökonomischen Gründen ist es für die Firmen wichtig, mit den vorhandenen Ressourcen sparsam umzugehen. Gerade dem Chemiker ist es durchaus bewusst, dass die Wertschöpfung von Erdölprodukten weitaus grösser ist, wenn sie raffiniert anstatt verbrannt werden.
Bevor ich Ihnen aufzeige, in welcher Weise wir die Vorgabe CO2-Reduktion umsetzen - einige Zahlen und Fakten zum Energieverbrauch und den CO2-Emissionen der chemischen und pharmazeutischen Industrie: Sie wird zwar nicht zu den energieintensiven Branchen gezählt, aber sie hat doch einen Sechstel Anteil am Totalenergieverbrauch der Industrie und gehört damit zu den industriellen Grossverbrauchern. Bei Diskussionen um Energiepreise oder Lenkungsabgaben auf nicht erneuerbaren Energien wird uns zwar immer wieder vorgehalten, dass sich eine Erhöhung wohl kaum auf den Endpreis eines Medikamentes auswirke. Dennoch bleibt Energie für uns ein Produktionsfaktor, der je nach Produktepalette und ganz besonders in kleinen und mittleren Unternehmen erheblich sein kann.
Im Rahmen der Diskussion um ein CO2-Gesetz Mitte der 90er Jahre haben wir die Energie- und CO2-Situation in unserer Industrie genau analysiert. Zwar hatte der Energieverbrauch seit 1980 kaum abgenommen, dafür konnten im gleichen Zeitraum die CO2-Emissionen um rund 15 % gesenkt werden, und dies bei einer Verdoppelung der Produktion. Aufgrund dieser Fakten und der Analyse des Reduktionspotentials konnte sich die SGCI bereits 1996 hinter das Angebot der Industrie stellen, auf der Basis 1990 bis 2010 ihre CO2-Emissionen absolut um 10 % zu reduzieren. Bekanntlich ist die Schweiz im Rahmen des Kyoto-Protokolls die Verpflichtung eingegangen, die rund 40 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr bis 2010 um 8 % zu reduzieren.
Wo stehen wir heute, etwa ein Jahr bevor möglicherweise eine CO2-Abgabe beschlossen wird? 2001 haben sich einige Firmen im Raum Basel zusammengeschlossen, um im Rahmen von CO2- und Energiegesetz die Möglichkeiten von freiwilligen Massnahmen bis hin zu einer verbindlichen Verpflichtung zu erörtern. Unser klares Ziel war und ist es, von der CO2-Lenkungsabgabe befreit zu werden. In der Zwischenzeit ist dieser Zusammenschluss zu einer gesamtschweizerischen Energiemodellgruppe "Chemie" geworden, der rund zwei Dutzend Firmen angehören, die etwa zwei Drittel des gesamten Energieverbrauchs der chemischen und pharmazeutischen Industrie umfassen.
Wir haben schon viel erreicht: Eine vertiefte Analyse hat ergeben, dass die CO2-Emissionen unserer Branche zwischen 1990 und 1999 um 17 % abgenommen haben, bei einer Produktionssteigerung um nota bene 117 %. Im Vergleich: die gesamte Industrie hat die CO2-Emission um immerhin 10 % verringert, konnte aber im gleichen Zeitraum die Produktion um lediglich 15 % anheben.
Bereits diese Analyse gestaltete sich sehr aufwendig: Wo sich vor zehn Jahren noch das Areal eines einzigen Unternehmens mit eigener Energiezentrale klar abgrenzen liess, sind heute mehrere Firmen patchwork-artig verteilt, für die ausserdem ein externer Energielieferant zuständig ist. Grössere Schwierigkeiten bot auch die Bestimmung des Standes der Technik, nicht zuletzt um die Vorleistungen zur effizienten Energienutzung abschätzen zu können. Dabei ist hervorzuheben, dass in der Schweiz im Bereich der chemischen und pharmazeutischen Industrie die meisten Produktionsbetriebe im Batch-Verfahren arbeiten. Damit können sich die Energiewerte von Jahr zu Jahr erheblich verändern.
Keinesfalls einfacher gestaltete sich die Aufgabe, aufgrund des heutigen Wissens eine Prognose über die Entwicklung der nächsten Jahre bis 2010 abzugeben. Solche Prognosen sind nicht mit akribischen Berechnungen, sondern einzig mit Augenmass und plausiblen Schätzungen möglich. Indikatoren für die Entwicklung der Firmen (Umsatz, Produktionsmenge, Firmenflächen, Personalbestand und Veränderungen der Geschäftstätigkeit) sind schon theoretisch nicht ganz einfach zu erarbeiten, dazu aber konkrete Aussagen und Daten bis ins Jahr 2010 zu liefern, braucht neben Sachverstand auch den Mut zur Lücke und zu pragmatischen Schätzungen.
Die Energiemodellgruppe "Chemie" hat ihre Aufgaben weitgehend abgeschlossen und ist bereit, mit den Behörden im Namen der beteiligten Firmen eine Zielvereinbarung abzuschliessen. Sie kommt zum Ergebnis, dass sie auf der Basis 1990 die CO2-Emissionen bis 2010 absolut um 14 % senken kann, wobei von einer Produktionssteigerung um rund 170 % ausgegangen wird. Dabei wird jedoch auch klar vorausgesetzt, dass die noch zu treffenden Energiesparmassnahmen in einem definierten Umfang rentabel und auch pro Firma konkret aufgezeigt werden müssen.
Zum Schluss zu einem EU-Thema, das aber auch für unsere Mitgliedfirmen von zentraler Bedeutung ist: die neue EU-Chemikalienpolitik.
Seit 1967 die erste Chemikalienrichtlinie in Kraft getreten ist, hat sich das Chemikalienrecht der Europäischen Gemeinschaft ständig weiterentwickelt und verfeinert. Von wenigen Ausnahmen abgesehen erlässt Brüssel die Richtlinien, die von den Mitgliedstaaten in nationales Recht umgesetzt werden müssen; der nationale Spielraum ist vorhanden, aber doch begrenzt. Ende der 90er Jahre wurden die bestehenden Regelungen einer Prüfung unterzogen und aufgrund der festgestellten Mängel eine integrierte Chemikalienpolitik unter Berücksichtigung der Kriterien der Nachhaltigkeit, des Vorsorgeprinzips und des Binnenmarktes gefordert.
Dies hat zum Weissbuch "Strategie für eine zukünftige Chemikalienpolitik" vom 13. Februar 2001 geführt, zu dem Umweltministerrat und Europäisches Parlament Stellung nahmen und zum Teil noch wesentliche Verschärfungen forderten. Bis im Frühjahr 2003 dauerten dann die Arbeiten für konkrete Gesetzesvorschläge. Ein erster Entwurf wurde am 14. Mai 2003 im Internet veröffentlicht und alle Betroffenen sind aufgefordert, bis Anfang Juli 2003 Stellung zu nehmen. Die Kommission hat sich übrigens für eine Verordnung entschieden, die sofort nach Verabschiedung durch Rat und Parlament Gesetzeskraft in allen Mitgliedsländern erhält.
Die neue Regelung dürfte die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie in der EU massiv gefährden und damit auch unsere Firmen in der Schweiz stark in Mitleidenschaft ziehen. Zwar geht die Kommission aufgrund einer Studie von direkten Kosten, welche bei der chemischen und pharmazeutischen Industrie anfallen, von 1.4 - 7 Milliarden Euro aus. Die gesamten Kosten jedoch dürften um ein Vielfaches höher liegen, stehen doch die chemischen Stoffe in aller Regel am Anfang einer langen Produktions- und Wertschöpfungskette mit vielen Beteiligten. Daher schätzt selbst die Kommission die indirekten Kosten auf 14 - 20 Milliarden Euro für den Zeitraum bis 2020.
Detaillierte Studien in einzelnen EU-Mitgliedländern kommen allerdings zu verheerenden Resultaten: Sowohl in Deutschland wie in Frankreich ist mit dem Verlust von mehreren Hunderttausend Arbeitsplätzen zu rechnen. Je nach Szenarien - die nun als Entwurf vorliegende Regelung tendiert zum "worst case" - wäre ein verringertes Wachstum des Bruttoinlandproduktes in diesen Ländern von 1 bis 3 % die Folge.
Kern der neuen Regelung ist nämlich ein Genehmigungssystem, das auf dem sogenannten "REACH-Modell" (für Registration, Evaluation, Authorisation of Chemicals) basiert: Alle Chemikalien mit einer Jahresproduktion von über einer Tonne sollen zukünftig unter Angabe bestimmter stoffbezogener Daten registriert werden. Bei höheren Tonnagen und bei besonders gefährlichen Stoffen folgen eine Evaluierung resp. sogar die Zulassung durch die Behörden. Das REACH-System, das im Wesentlichen auf den Informationsanforderungen für neue Stoffe basiert, gilt insbesondere auch für alle bekannten Altstoffe, was in den kommenden Jahren einen gewaltigen bürokratischen und kostenintensiven Prozess auslösen wird. Nicht nur Chemikalien, sondern auch viele KMU werden "auf der Strecke bleiben", weil für sie REACH nicht verkraftbar ist.
Das REACH-System, das in der Internet-Version noch zusätzlich mit Restriction "angereichert" worden ist, trifft aber nicht nur die eigentliche chemische Industrie. Schwerwiegende, z.T. noch gar nicht abschätzbare Folgen werden auch die Weiterverarbeiter und Benutzer dieser Grund- und Zwischenprodukte, von der Elektronik- bis zur Autoindustrie, zu tragen haben. Das Zulassungsverfahren gilt nämlich nicht nur für den reinen Stoff, sondern muss anwendungsspezifisch erfolgen. Viele Stoffe werden in der EU deshalb nicht mehr verfügbar sein, weil sich deren zeitaufwendige und teure Aufarbeitung für "Nischenanwendungen" nicht lohnen wird. Umstellungen bei den Weiterverarbeitern kostet wiederum Geld und Zeit; die Wettbewerbsfähigkeit wird je nach Produkt dramatisch abnehmen.
Besonders im Bereich der Stoffe, die in kleinen Mengen produziert und gehandelt werden, trifft es unsere Firmen empfindlich. Wollen sie weiterhin im EU-Markt tätig sein, müssen sie ebenfalls die neuen Anforderungen erfüllen. Ebenso werden die Benutzer und Verarbeiter von Chemikalien, welche aus der EU in die Schweiz importiert werden, gleich zweimal "zur Kasse gebeten": Erstens werden sie mit aller Wahrscheinlichkeit mehr für die Chemikalien bezahlen müssen, zweitens verlieren sie voraussichtlich Marktanteile, weil ihre Produkte im Vergleich zu denjenigen ihrer Konkurrenten in den USA oder in Japan teurer werden. Da ist dann die Tatsache, dass sie im gleichen Boot wie ihre Konkurrenten in der EU sitzen ein schwacher Trost.
Von zentraler Bedeutung für die schweizerische chemische und pharmazeutische Industrie ist die Regelung der Zwischenprodukte. Zahlreiche KMU sind ausschliesslich oder weitgehend in diesem Bereich tätig. Wettbewerbsvorteile hat, wer innovativ und rasch die vom Kunden gewünschten Stoffe zu einem kompetitiven Preis liefert. Das bürokratische und aufwendige REACH-System ist Gift für die Produktion und Innovation. Dabei wäre vielmehr - um in der chemischen Terminologie zu bleiben - ein Katalysator nötig, um der wachsenden Konkurrenz z.B. aus China und südostasiatischen Ländern begegnen zu können.
Statt punktuelle Verbesserungen im System anzustreben, deren Notwendigkeit auch in unserer Industrie kaum bestritten wird, setzt die EU - einmal mehr - auf einen äusserst aufwendigen, bürokratischen und letztlich unnötigen Prozess, der am Ende nichts weniger als eine massive Verminderung unserer Wettbewerbsfähigkeit bedeutet. Die SGCI setzt sich daher im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sei es über die schweizerischen Behörden, insbesondere aber über den Europäischen Chemieverband CEFIC, für ein Chemikalienrecht ein, welches nicht weitere Einschränkungen bedeutet, sondern das bereits erreichte, hohe Niveau zum Schutz der Umwelt und des Menschen beibehält, daneben aber auch das Ziel einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit anstrebt. |